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glaubensbekenntnisse

Saturday, November 1st, 2008

 

Je absurder der Inhalt, desto gemeinschaftsstiftender die Wirkung und der mit der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft verbundene Selektionsvorteil.

Glaubensbekenntnisse ideologischer oder religiöser Natur haben, so denke ich, nicht vorwiegend den vermeintlichen Inhalt der Aussage zum Gegenstand.

Die Hauptfunktion dürfte vielmehr das Signal der Konformität sein, des Dazugehörens, des Mitmachens, des “ich bin auch dabei, ich gehöre zu euch, wir gehören zusammen”. 

Das Bekenntnis ist also vermutlich nicht so sehr auf der rationalen, inhaltlichen Ebene bedeutsam, sondern als Bekenntnis der Gruppenzugehörigkeit.

Evolutionsbiologisch ergibt sich aus der Zugehörigkeit zu einer Menschengruppe ein bedeutender, ja ein über Leben und Tod entscheidender Vorteil. Das ausgeschlossen sein, das nicht mehr Dazugehören, der Ostrazismus, bedeuteten früher den ziemlich sicheren Tod.

Die Menschen haben ein tief verwurzeltes Gespür für die Gefahr in Widerspruch zur eigenen Gruppe zu geraten. Deshalb wird zu vielfachen Anlässen und Gelegenheiten die Zugehörigkeit bekräftigt. Das mag durch Riten, durch den Gestus, durch das äußere Erscheinungsbild geschehen oder durch verbale Äußerungen und (Lippen-)Bekenntnisse.

Der vordergründige Inhalt, beispielsweise die Aussage man glaube an die jungfräuliche Geburt Jesu, ist dabei nicht so sehr wesentlich. Es muss im Grunde genommen gar nicht aufrichtig gemeint sein. Viel wichtiger bei dergleichen Äußerungen ist das Bekenntnis der Zugehörigkeit, der Zusammengehörigkeit.

Selbst Immanuel Kant kroch auf diese Weise mit seiner kleinen Spätschrift zur Religion zu Kreuze.

Die Distanz, der Widerspruch zum herrschenden Glauben, das Nichtdazugehören zur Religions- oder Ideologiegemeinschaft hat vielfältige Nachteile. Der Dissident wird gemieden. Er ist in Gefahr. Im katholischen Polen des 18. Jahrhunderts war er in Gefahr, geköpft zu werden. Und noch davor wurden in ganz Europa Ketzer eifrig verbrannt.

Der Selektionsvorteil des Konformismus liegt somit auf der Hand, auch heute noch. Das Bekenntnis die herrschende Lehre zu glauben, auch, und gerade wenn sie noch so absurd ist, hilft beim Überleben und sich Vermehren in einer Gruppe. 

Zu fragen wäre auch in die entgegengesetzte Richtung, ob denn der Dissens, der Widerspruch zur herrschenden Ideologie, die Verweigerung von Bekenntnissen der Dazugehörigkeit, ebenso und auf verschiedene Weise Selektionsvorteile bieten.

Das mag bei der Gruppenselektion dann so sein, wenn der Dissens in einer Gemeinschaft von verschworenen “Ungläubigen” und “Widerständlern” gelebt wird. Dann übernimmt der Glaube an den Dissens die Rolle der Gemeinschaftsstiftung. Der enorme und noch stärkere Gruppenzwang von Protest- und Widerstandsgruppen ist auf diese Weise eine alternative Gemeinschaftsstiftung und verhilft so zu einem Selektonsvorteil in der Gruppe, nur eben in einer oppositionellen Gruppe. Wenn dann die Dissidentengruppe auch noch im Laufe der Zeit zur neuen herrschenden Richtung wird, hat man auf das richtige Pferd gesetzt. Der Dissens wird zum Konsens, zum Mainstream. Die Ideologie der Revolutionäre wird zum Glauben der herrschenden Gewalten. Für das Bekenntnis zu dieser Glaubensrichtung gilt das oben gesagte.

Das Bekenntnis der Zugehörigkeit hat um so mehr Wert, je absurder der vorgebliche Inhalt ist. Je irrationaler die Behauptungen der Glaubensbekenntnisse, desto nachdrücklicher wirken sie als Konformitätsaussagen, als Versicherungen darüber, dabei zu sein, mit zu machen, dazu zu gehören. Dieser Wert der Konformitätsaussage ist größer bei absurden, irrationalen Inhalten, die sich empirisch, rational in keinster Weise nachvollziehen lassen. Es ist ein Zeichen dafür, wie viel einem die Zugehörigkeit wert ist, es ist der “Mitgliedsbeitrag” als teilweiser Verzicht auf Rationalität, als Fürwahrhalten völlig unzureichend bewiesener Aussagen. Hinzu kommt bei der Gruppenzugehörigkeit noch der Beitrag an Geld, Arbeitskraft, Zeit, menschlicher Zuwendung, Lernen und Weitergeben der ideologischen Reden und Erzählungen … Es wird so der handfeste Beweis geliefert wie viel einem die Zugehörigkeit wert ist, welchen Preis, auch an Rationalität, man zu zahlen bereit ist.

Ich habe über diesen religionsphilosophischen Zusammenhang noch nirgendwo gelesen. Tertullians Satz, „Certum est, quia impossibile”, der später als „Credo quia absurdum” kolportiert wird, nennt den Glauben an das Widersinnige, das Absurde, bezeichnet aber nicht die Funktion der Gemeinschaftstiftung gerade durch widersinnige Glaubenssätze (”Certum est, quia impossibile”  - “Es ist gewiss, weil unmöglich” “Credo quia absurdum” – “Ich glaube weil es widersinnig ist”). Auch die Abgrenzung gegen andere Gruppen dürfte mit widersinnigen Dogmen besser gelingen. Common sense, das allgemein Akzeptierte und unmittelbar Einsichtige, das überall als bewiesen Geltende, taugt nicht zur Gruppenbildung und Abgrenzung gegen die “Ungläubigen”.

evolution und religion

Monday, July 21st, 2008

Religionen sind möglicherweise einer wissenschaftlichen Weltanschauung in dem entscheidenden Punkt überlegen.

Es mag sein, dass der wissenschaftliche Wahrheitsbegriff besser ist. Es mag sein, dass die wissenschaftlichen Methoden einen rascheren Fortschritt in Medizin, Technik, Weltverständnis usw. bringen.

Wenn aber, und das ist der springende Punkt, in den hoch industrialisierten, wissenschaftlich geprägten Ländern die Geburtenraten zu niedrig sind, werden die wissenschaftlich geprägten Kulturen ganz einfach aussterben. 

Wenn demgegenüber in stark religiös geprägten Kulturen die Geburtenraten hoch sind, oder zumindest ausreichend, dann werden diese Kulturen bestand haben und sich gegenüber den wissenschaftlich-technisch geprägten Kulturen behaupten.

Zuletzt überleben möglicherweise die streng religiösen Kulturen. Die starke und dauerhafte Verbreitung von Religionen spricht auch evolutionstheoretisch für diese Vermutung.

In der Evolutionstheorie, die selbst wieder dem wissenschaftlichen Geist entsprigt, ist nicht unbedingt die wisssenschaftliche Wahrheit entscheidend. Für den Erfolg, den Erhalt einer Population, kann bedeutsam sein, was andere als Aberglaube und Unwahrheit auffassen. 

So kann eine Illusion, aus wissenschaftlicher Sicht, der wissenschaftlichen Anschauung überlegen sein, wenn die Illusion eher zur Reproduktion und damit zum Bestand und zur Ausbreitung einer Bevölkerungsgruppe führt.

Wissenschaftlich gesehen haben strenge Religionen aufgrund der besseren Familienstruktur und der höheren Geburtenraten den entscheidenden Vorteil gegenüber wissenschaftlich-industriellen Weltanschauungen. 

Hier schreibt die wissenschaftliche antireligiöse Welt möglicherweise ihren eigenen Totenschein.

Wenn Religionskritiker, wie Dawkins, auf diesen Punkt nicht eingehen, übersehen sie das Grundlegende. Gerade in der Evolutionstheorie zählt nicht die Wahrheit oder wer jetzt mit seinen Anschauungen Recht hat. In der Evolutionstheorie ist die entscheidende Frage: wer überlebt, wer pflanzt sich erfolgreich fort. Es ist nicht die Frage, wer im Besitz einer wie auch immer gearteten überlegenen Wahrheit ist. Entscheidendend auf lange Sicht ist, wer die meisten Nachkommen hat. 

“Seid fruchtbar und mehret euch.”