praktische Philosophie
Die Grenzen unserer Erfahrungen und Erkenntnisse sind nicht scharf umschrieben. Die Übergänge zum Transzendenten verschieben sich und verlaufen. Mit dem Fortschreiten der Wissenschaften erlebt man die Kartierung ungeahnter Wissensräume und alte Pläne müssen neu gezeichnet werden. Ebenso sind die nichtwissenschaftlichen Erfahrungen der Lebenswelt nicht scharf begrenzt. Ja das Erleben der Zeit beruht auf der Änderung unserer Bewußtseinsinhalte und dem Wechsel der Grauzonen. Wir laufen durch Nebelfelder die sich mal lichten, dann wieder zusammenziehen und fast undurchdringlich erscheinen.
praktische Philosophie
Das tätige Leben, die vita activa, spielt in der Gegenwart. Und damit ist auch der alltagssprachliche Sinn von „jetzt“, von unmittelbar erlebter Zeit gegeben. Die subjektive Erfahrung des Gegenwärtigen bestimmt diese Zeitempfindung.
Aus noch dunklen Gründen ist mir ein zu genaues Planen der Zukunft unangenehm. Es lenkt von den Tätigkeiten ab und führt zu Sorgen die dann im Nachhinein doch überflüssig und kraftraubend erscheinen.
Evolution, Religion
Wahrheit (ἀλήθεια) beanspruchen Evolutionsbiologen für sich, wenn sie die Illusionen des Katholizismus und anderer Religionen kritisieren. Die Wissenschaft ist wahr, die Religion ist ein Lügengebäude.
Aber was ist schon Wahrheit? Im Spiel der Evolution kommt es nicht so sehr darauf an, wer Recht hat und die Wahrheit sagt, sondern entscheidend ist die Erhaltung und Fortpflanzung von Lebewesen. Und was die Geburtenraten und damit die evolutionsbiologisch entscheidene Reproduktion betrifft, sind die Religionen mit ihren vermeindlichen Illusionen den modernen wissenschaftlich und religionskritisch eingestellten Gruppen um ein vielfaches überlegen.
Wenn in ein paar Generationen die wissenschaftlichen Zivilisationen verschwunden wären, würde es ihnen wenig helfen im Besitz der Wahrheit gewesen zu sein.
Wahrheit ist nur dann gut, wenn sie einen Selektionsvorteil bietet. Führen demgegenüber „Illusionen“ zu einer besseren Anpassung und Vermehrung, dann sind diese „Illusionen“ der Wahrheit überlegen und damit sind in gewisser Weise die Illusionen zumindest das Wahre, wenn nicht sogar die Wahrheit.
praktische Philosophie
Die Tendenzen zur Ablehnung anderer Menschen leugnet man gerne, auch vor sich selbst. Dabei spielt die Abneigung, das Unbehagen, die Feindseligkeit und Gleichgültigkeit der Menschen untereinander eine kaum zu überschätzende Rolle. Wie könnte man sonst gelassen bleiben, wenn in ärmeren Weltteilen Kinder allein deshalb sterben, weil ihnen kein sauberes Trinkwasser zur Verfügung steht.
Ein nicht unbeträchtlicher Teil des wirtschaftlichen Reichtums wird verwendet, um sich seine Mitmenschen vom Leibe zu halten. Und Unmengen an Medikamenten und Drogen werden konsumiert, damit Unsicherheit und Unbehagen in der Gegenward anderer Menschen gemildert werden.
Wie weit Abstand, Ruhe vor den Menschen, Höflichkeit aus Distanz ihre Berechtigung haben wird im Zusammenleben der Spaß- und Massenkonsumgesellschaft westlicher Prägung nur unzureichend realisiert.
praktische Philosophie
Wer sich vor den Mühen der strengen, methodischen Forschung drücken möchte, mag ins seicht Spekulative ausweichen. Statt mit der Wirklichkeit beschäftigt er sich mit Vorstellungen, die naiv, unrealistisch und in ihren Auswirkungen auf das Leben gefährlich sein können.
So ist die gegenwärtige Philosophie zum einen Wärmestube für Professoren, die, sei es aus Faulheit oder Unvermögen, zur wissenschaftlichen Anstrengung nun ganz und gar untauglich sind. Zum anderen ist die Philosophie Exitpoint für Aussteiger aus der harten wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit.
Wenn im guten Sinne noch heute Philosophie möglich sein soll, dann dürfte sie dort, ohne ausdrücklich als solche verstanden zu werden, stattfinden, wo mit der Wirklichkeit in Theorie und Praxis fleißig und im Nahkampf gerungen wird.