leben
Man braucht sehr viel Geduld und muss sehr tief durchatmen. Aber darin besteht wohl das Leben.
Man braucht sehr viel Geduld und muss sehr tief durchatmen. Aber darin besteht wohl das Leben.
Sich in verschiedene Sichtweisen hineinzuversetzen, zu denken, zu empfinden, ist eine Kunst, die geübt werden muss. Sie setzt Kraft und Zeit voraus. Und es sind vorab Einschätzungen, wenn man so will „Vorurteile“, nötig, die bestimmen, welche Positionen es gibt und welche davon es wert sind, sich mit ihnen zu beschäftigen.
Durch das gründliche Erwägen verschiedener Standpunkte ist eine bessere Urteils- und Entscheidungsfindung möglich. Ganz besonders aber im Krieg ist die richtige Handlung von der zutreffenden Einschätzung des Gegners abhängig. Diesen sollte man besser kennen, als er sich selbst.
Das Zeichen der Moderne, der Stuhl, führt zum Verlust des auf dem Boden gerade sitzen Könnens.
Die Schulbank als Trainingsgerät richtet aus und reiht ein.
Im heutigen Gruppensitzen bei Frontaluntericht werden die Hälse der Kinder zur Tafel gedreht und bisweilen schmerzhaft verbogen. Wozu wohl? Übt man damit Wendehälse?
Klüger wäre es, Kinder würden gerade an niedrigen Pulten auf dem Boden sitzen. Aber die alte Schulbank wäre auch schon ein Fortschritt.
Heute Nacht träumte Herr K. vom Papst. Der Papst war verändert. Der früher Konservative wurde modern, weltoffen, zeitgemäß und realistisch.
Sein Gesinnungswandel vollzog sich in kürzester Zeit. Viele Menschen wunderten sich. Aber es herrschte auch große Freude über die neuen Ideen des Pontifex. Die Medien liebten den Wandel und berichteten pausenlos über diese geistige und theologische Verjüngung des über Achzigjährigen.
Der Papst hob den Zölibat auf und jeder Priester, der wollte, konnte heiraten. Aber auch für Frauen standen plötzlich alle Postitionen der Kirche offen, ja es war denkbar, dass eine Frau in Zukunft Päpstin würde.
Die starre Haltung zur Homosexualität wich einer umfassenden Toleranz. Der Papst soll den Bereich der gesamten Sexualität dem privaten Ermessen jedes einzelnen Menschen anheim gegeben haben. Jeder solle nach seiner Vorstellung und Neigung handeln dürfen, solange er nicht die Freiheit der Anderen einschränken würde.
Empfängnisverhütung war plötzlich erlaubt und Kondome waren sogar im Sinne der HIV-Prävention erwünscht. Abtreibungen wurden geduldet und erforderten allerdings eine Abwägung zwischen den Interessen der Mutter und dem möglichen Schaden, den die Frau durch einen Schwangerschaftsabbruch haben könnte.
Alle Unglaublichkeiten der Überlieferung wurden symbolisch gedeutet, und so zog Vernunft wieder in die katholische Kirche ein. Die eucharistische Wandlung galt als symbolisch und ebenso war die Jungfräulichkeit der Gottesmutter nicht real geglaubt, sondern nur eine Metapher.
Kurz, es herrschte große Freude bei allen, selbst bei den anderen Glaubensrichtungen, denn der Papst gab jetzt allen Recht, und vertrat auch hier eine freiheitliche und tolerante Haltung. Jede Religion sei nach seiner neuen Einsicht geeignet, eine Wahrheit auszudrücken, jede Glaubensrichtung habe ihre Berechtigung und verkörpere eine tiefe Erkenntnis über das Religiöse.
Dann hörte Herr K. die Glocken läuten. Er wurde wach und war schweißgebadet. Der Alptraum steckte ihm noch in den Gliedern und er begann sein Morgengebet.
Höflichkeit
Integrität
Durchhaltevermögen
Unbesiegbarkeit
Disziplin
