Religion
Der Tod Gottes ist keine atheistische Metapher. Vielmehr setzt der Tod ja ein vor dem Tod liegendes Leben voraus. Gott lebte demnach und starb dann und war schließlich tot.
Das aber ist keine Geschichte von gottlosen Geistern, von Agnostikern und Atheisten erzählt. Das ist die Geschichte im neuen Testament. Das Leben Gottes, das Sterben und der Tod, nach dem Tod allerdings die Auferstehung.
Vernünftig betrachtet ist das eine Ungeheuerlichkeit. Gott stirbt und ist tot. Zudem stirbt Gott nicht einfach so an Altersschwäche oder an einem Herzinfarkt. Gott wird von Menschen auch nicht heimtückisch ermordet, sondern er wird in einem Gerichtsverfahren mehr oder weniger ordentlich zum Tode verurteilt. Das muss man sich einmal vorstellen, Menschen verurteilen Gott zum Tode. Zu allem Überfluss wird auch noch das Volk befragt. Das Volk wünscht aber nicht die Begnadigung Gottes, sondern die eines Schwerverbrechers. Um alles noch auf die Spitze zu treiben, wird Gott von seinen treuesten Anhängern verraten, verkauft, verleugnet und im Stich gelassen.
Die Todesstrafe wird an Gott vollzogen. Der Tod Gottes am Kreuz ist seither das Symbol einer großen Religion. Der Tod Gottes am Kreuz durch Menschenhand, durch Verrat, Niedertracht, Gemeinheit, Feigheit … befördert. Das ist das Unfassbare, das Ungeheuerliche schlechthin. Das ist derartig, dass es geglaubt werden kann und dass sich der Glaube mit zunehmender Menschenkenntnis festigt.
praktische Philosophie
Leben und Sterben sind erfahrbar. Auch im Sterben lebt der Mensch noch. Er ist auf dem Weg zum Tod. Mit dem Tod endet das Leben. Damit endet auch das Erleben, die Erfahrung. Der Tod ist für den, der Tod ist, nicht mehr erfahrbar. Der Tod anderer Menschen ist natürlich erfahrbar, weil der, der die Erfahrung des Todes von Anderen machen kann, selbst notwendig leben muss. Tod ist nur erfahrbar als der Tod Anderer, nicht als der eigene Tod.
Der eigene Tod ist sprachlich nicht fassbar. Er ist nicht Nichts. Nichts macht nur Sinn im Bezug auf „Etwas“, als allgemeinstes ontologisches Substrat. Der Tod ist jenseits sprachlicher Beschreibbarkeit. Nur der Hinweis auf seine Unaussprechlichkeit macht ihn sprachlich indirekt fassbar. Das allerdings auch nur so, dass er als unfassbar bezeichnet wird.
Die Mythen über den Tod, z. B. über Wallhalla, über das Fegefeuer, den Himmel und die Hölle, über die ewigen Jagdgründe sagen nichts über den Tod. Sie sagen deshalb nicht etwas Unsinniges. Diese Geschichten, die es in allen Kulturen gibt, sagen Wichtiges nicht über den Tod, sondern über das Leben. Es sind Wunschträume, Sehnsüchte, Phantasien, kunstvolle und allen Respekt verdiende Mythen der jeweiligen Kultur. Sie prägen das Selbstverständnis der Menschen, die an die Geschichten glauben und sie tradieren, weitertragen von Generation zu Generation und sie über ihre eigene Kultur hinaus der restlichen Menschheit mitteilen.
Irgendwo hat Wittgenstein geschrieben, dass der Tod kein Ereignis des Lebens sei. Ich finde leider die Stelle nicht mehr, aber sie dient mir als Kristallisationspunkt.
Ach ja, ich hab jetzt die Stelle gefunden:
„Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Den Tod erlebt man nicht.“
[Ludwig Wittgenstein. Logisch-Philosophische Abhandlung, Wilhelm Ostwald (ed.), Annalen der Naturphilosophie, 14 (1921) 6.4311]