praktische Philosophie
Der im Wettbewerb Siegreiche hat die Anerkennung der Zuschauer, vielleicht aber auch den Neid der Mitkombattanten.
Lediglich den erschlichenen Sieg missgönnt auch das Publikum.
So ist es mit anderen Arten der Vorzüglichkeit, des hohen Ranges. Die Unbeteiligten anerkennen und schätzen ihn, wenn er rechtmäßig erlangt wird. Sie missbilligen legitimerweise den vorgespielten, den angemaßten, den unverdienten, erschlichenen, auch den ererbten und nicht aus eigener Kraft erworbenen Rang.
So hat die Masse ein gutes Gespür für echte Führung, sie anerkennt, ja sie bewundert und liebt diese bisweilen sogar.
Dagegen wehrt sie sich gegen das Angemaßte, das Erschleichen von Privilegien durch Machtpositionen, das Getue einer Pseudoelite, die sich im Rampenlicht gefällt ohne wirkliche Leistungen zu vollbringen. Allerdings stumpft die Mehrheit gegen diese Usurpatoren einer hohen Position allmählich ab, zu häufig ist das Phänomen.
Aber darin liegt auch die Möglichkeit wirklicher Vorzüglichkeit, die wie aus dem Nichts erscheinen kann und den Menschen wie eine Erleuchtung begegnet, wie etwas lange Vermisstes und beinahe unbewusst ersehntes. Das Messianische der wirklichen Vorzüge, des echten Ranges überzeugt unmittelbar.
Nur gegen Mitbewerber und deren Neid muss sich wahre Vorzüglichkeit in Acht nehmen, sonst landet sie „am Kreuz“. Aber selbst nach dem Kreuz kommt Ostern und die Hoffnung ist nicht verloren.
praktische Philosophie
In unserer Gymnasialzeit verwandten wir für den Aufsatz die folgenden Elemente:
• die Stoffsammlung,
• die Gliederung,
• den Entwurf und
• die Reinschrift mit
• der abschließenden Korrektur.
Das war sehr gut und weit besser als das bloße Drauflosschreiben, dem ich heute gelegentlich unter Zeitdruck nachgehe.
Schade, dass die Kunst des Aufsatzes, anders als in Frankreich, bei uns nicht gepflegt wird. Politiker und andere Eliten könnten zeigen, ob sie lediglich Sprachrohre sind, oder ob sie unter Prüfungsbedingungen selbst etwas zu sagen wüssten und dieses auch formal gut ausdrücken könnten.
Frankreich pflegt eine Kultur seiner Sprache von der Deutschland für sich profitieren könnte. Der soziale Rang wird dort nicht so sehr über Vermögen, Kleidung, gesellschaftliche Kontakte als über das sprachliche Niveau bestimmt. Auch England differenziert die sozialen Klassen über die Sprachkompetenz.
Erziehung, praktische Philosophie
Heidegger stand bei der Veröffentlichung seines frühen Hauptwerkes „Sein und Zeit“ unter Druck. Er schielte auf einen Freiburger Lehrstuhl, hatte aber an Veröffentlichungen nicht viel zu bieten. Also zog er ein Fragment aus der Schublade, nannte es wie bekannt und versah es mit dem Zusatz der Ankündigung blieb, „erster Teil“. Der „zweite Teil“ kam nie.
Wenn deutsche verbeamtete Philosophieprofessoren in Not sind, tun sie merkwürdige Dinge. Sind sie aus dem Schneider, geht alles wieder seinen ruhigen Gang. Der ruhige Gang aber dürfte die Leistungen nicht fördern. Er führt eher zu dem, was Konrad Lorenz die „Verhausschweinung“ titulierte. Eine Wildsau ist im Gegensatz zum Hausschwein stärker, klüger, robuster, schneller und fruchtbarer.
Warum werden in Deutschland die Lehrer und darin inbegriffen auch die Hochschullehrer verbeamtet? Sollen sie verhausschweinen, sich geborgen und versorgt fühlen und abschlaffen in der verbeamteten Bequemlichkeit?
Was wäre aus Heidegger als Wildsau geworden?
In einem späten Filmausschnitt ahnt man bei diesem deutschen Gelehrten sein schlechtes Gewissen, man bemerkt den schuldbewußten Blick, die Angst, dass die großsprecherische Rabulistik durchschaut wird und ein kleiner Staatsbeamte mit hohem Pathos zum Vorschein kommt.
Erziehung, praktische Philosophie
Man wetzt die Feder wie das Schwert. Geschärft ist sie um Vieles mächtiger.
praktische Philosophie
In einer repräsentativen Demokratie, wie der der Bundesrepublik Deutschland, zählt bei den Wahlen die Mehrheit der Stimmen. Die Masse der Wähler wird propagandistisch hofiert. Aber auch und besonders die Interessen kleiner und dafür um so einflussreicherer Gruppen werden bedient. So macht das Gemeinwohl, das an den Interessen aller, besonders aber auch der zukünftigen Generationen orientiert ist, dem Eigennutz und der Habsucht Platz.
Die politische Theorie hat dafür einen Begriff, der heute kaum noch bekannt ist. Die Ochlokratie bezeichnet diese Verfallsform der Demokratie. Ochlokratie leitet sich ab von ὄχλος (óchlos) – (Menschen-)Menge, Pöbel, Masse, sowie κρατία (kratía) – Herrschaft). Sie ist die korrumpierte Form der Demokratie.
Platon handelt von ihr (Platon, Politikos, 292a), ebenso Aristoteles (Nikomachische Ethik, 1160a) und Polybios (Geschichte, 6).
[7] πρώτη μὲν οὖν ἀκατασκεύως καὶ φυσικῶς συνίσταται μοναρχία, ταύτῃ δ᾽ ἕπεται καὶ ἐκ ταύτης γεννᾶται μετὰ κατασκευῆς καὶ διορθώσεως βασιλεία. [8] μεταβαλλούσης δὲ ταύτης εἰς τὰ συμφυῆ κακά, λέγω δ᾽ εἰς τυραννίδ᾽, αὖθις ἐκ τῆς τούτων καταλύσεως ἀριστοκρατία φύεται. [9] καὶ μὴν ταύτης εἰς ὀλιγαρχίαν ἐκτραπείσης κατὰ φύσιν, τοῦ δὲ πλήθους ὀργῇ μετελθόντος τὰς τῶν προεστώτων ἀδικίας, γεννᾶται δῆμος. [10] ἐκ δὲ τῆς τούτου πάλιν ὕβρεως καὶ παρανομίας ἀποπληροῦται σὺν χρόνοις ὀχλοκρατία. (Polybios, Geschichte, 6)
Begriffe sind die Werkzeuge des Denkens. Fehlen sie, fehlt auch die Reflexion. Ochlokratie ist auch zeitgenössisch eine bedeutende Kategorie, deren Gegenstand es, auch in gradueller Ausformung, zu erkennen und abzuwehren gilt.