praktische Philosophie
Das Rasieren, das Scheren war früher Zeichen der „Häuslinge“, die ihr Leben in Abhängigkeit auf einem Bauernhof verbringen mussten und nicht heiraten durften.
Bei mir selbst erzeugt die Rasur ein Wundsein der Haut. Auch der Haarschnitt führt meist zu einer leichten Erkältung, woran man sieht, dass Haare schützen, nicht nur vor Kälte, auch vor Hitze, man bedenke die Gefahr starker Sonneneinstrahlung für einen Glatzkopf. Haare schützen auch vor Wind, Feuchtigkeit und kleinen Verletzungen.
Also, warum sollte man wie ein Gescherter herumlaufen? Der frei Mann trug zumindest früher langes Haar und einen Bart.
Und nicht zuletzt haben wir im christlich geprägten Abendland ein Bild des Erlösers, das selten ohne Bart und langes Haupthaar ist.
kunst, Leben
Was mich zunächst doch immer wieder wundert, ist das Fehlen der normalen Arbeitswelt als Sujet der Kunst, wie auch der Unterhaltungsbranche.
Die Heldinnen und Helden tun alles Mögliche, nur sie werden nicht ausführlich bei einer ganz normalen Erwerbstätigkeit dargestellt. Und die Arbeit ist es doch, die einen großen Teil des Alltags bei den meisten Erwachsenen ausmacht. Warum ist sie dann nicht Thema in Kunst, Kultur und Unterhaltung?
Ist die Arbeit zu unangenehm? Ich denke nicht. Und zudem sind viele Themen der hohen und trivialen Kunst nicht angenehm. Es geht um Verbrechen, Krieg, Krisen und viellerlei mehr Konflikte und Probleme. Nur der Arbeitsalltag beleibt ausgespart. Er ist der weiße Fleck auf der Landkarte der Kunst, die terra incognita.
Ist der Alltag überhaupt „kunstfähig“, bedarf es für die Kunst außeralltäglicher, besonderer und spannender Ereignisse, die uns gerade aus dem Alltäglichen herausführen?
Wohl kaum, denn Kunst ist nicht so sehr am Inhalt, wie an der Form, an der gelungenen Art und Weise der Darstellung festzumachen. Und die Vielschichtigkeit der Arbeitswelt böte bei genauer Betrachtung genügend Stoff.
Außergewöhnliche Ereignisse passieren auch im Erwerbsleben und zudem sollte Kunst nicht im Sinne der Flucht, des Eskapismus aus dem Leben heraus führen, vielmehr sollte sie, wenn auch bisweilen über Umwege, das Verständnis für unser Leben bereichern und somit weiter in unser Leben hineinführen.
Kunst ist in einem leicht hinterhältigen Sinn eine „Einführung ins Leben“.
Diese Formulierung, z. B. „Einführung in die Algebra“, lässt nämlich zunächst ein unschuldiges und langsames Heranführen an die Sache vermuten. Aber hinter diesen harmlos und propädeutisch wirkenden Titeln verbirgt sich dann in der Tat, zumindest bei wissenschaftlichen Lehrbüchern, die ganze Thematik selbst und nicht nur ein behutsames Hinführen.
In diesem Sinne, der Darstellung des Ganzen, ist die Kunst, auch erzieherisch für alle Altersgruppen eine Einführung ins Leben. Sie ist nicht und soll nicht eine Wegführung vom Leben sein. Eine Flucht aus der Lebenswelt ist nicht Kunst, sondern Kitsch, ist nicht eine Klärung des Verständnisses der Realität, sondern Eskapismus, ist Verneblung, ist Droge, ist Flucht aus der Wirklichkeit.
Somit gilt der Appell und das Ziel: hinein ins Leben, hinein in die Arbeit und hinein in die künstlerische Darstellung der Arbeitswelt.
Ein Hürde mag sein, dass Künstler keiner üblichen Erwerbsarbeit nachgehen. Sie benötigen die Zeit, die „Muße“ für die Kunst. Aber darin besteht die Forderung an wirkliche Kunst, sich in das Hineinzuversetzen, was man selbst nicht authentisch erlebt hat, nicht nur Autobiographisches hervor zu bringen, nicht im Stil eines Tagebuches zu verharren, es sei denn das Tagebuch wird von einer ganz anderen Person geschrieben, und es handelt sich somit nicht um eine authentisches, sondern um ein fiktives Journal.
Leben, Religion
Äußerlichkeiten sind es definitionsgemäß nicht. Also muss man sich nicht groß um sie kümmern, nur das Notwendigste besorgen.
Für Entertainment gilt noch mehr, es ist überflüssig.
Alle Laster sind ebenso unnütz und Zeitverschwendung.
Weniger ist mehr, und wir beschränken uns nur auf das Wichtige, Gute, Bleibende.
Die Religionen, besonders das ernsthafte, konservativ, katholische Christentum könnten hierin ein Vorbild sein. Christus sprach, soweit zumindest die Überlieferung, von einer Endzeit. Und in der Vorbereitung auf die Endzeit fällt das Nebensächliche, Eitle, Lasterhaft fast von alleine weg. Es bleibt das, was wirklich zählt, das Wesentliche.
Religion
Die Meisten werden in eine Religion hineingeboren, und mittlerweilen verlassen sehr viele diese geistliche Obdach.
Aber wenige, zumeist die fittesten Männer, vermögen ein Leben lang stoisch in der Obdachlosigkeit zu verweilen. Die spirituelle Kälte, die Nüchternheit, der Skeptizismus und Agnostizismus sind auf Dauer schwer erträglich. Diese Stoiker bilden eine Elite.
Die Anderen suchen wärmende Vorstellungen, bisweilen fast brünstig Unterschlupf, Geborgenheit und das Vertraute. Sie finden den Halt, den sie in den Kirchen verloren haben, in Ersatzreligionen. Diese bieten Lösungen der „Welträtsel“ und Anworten auf die lästigen Sinnfragen.
Erziehung, praktische Philosophie
Die ländliche Idylle stirbt an bösartigen Geschwüren, die sich vor allem an ihren Rändern zeigen. Sie zersetzen die gewachsene natürliche, landwirtschaftliche und architektonische Schönheit durch ihr invasives, destruierendes und metastasierendes Wachstum.
Dabei hätte das Dorf, der Einsiedlerhof und die Kleinstadt weit ab von Metropolen Vorbilder genug im Natürlichen in Verbindung von dem durch Menschenhand über Jahrhunderte in strenger Tradition und regionaler Färbung Geschaffenen. Aber diese vorliegende Schönheit wird nicht erfasst, die Gegebenheiten in ihrer ästhetischen Stimmigkeit nicht erkannt. Das verwundert den Betrachter zunächst.
Dennoch führt das alltägliche Sehen, der selbstverständliche Umgang mit schönen Dingen nicht notwendig zu deren Verständnis. Die Empfindung des Angenehmen erfordert Schulung und Muße. Der stumpfe, abgearbeitete Blick kann es kaum erfassen. Besser wird es durch stundenlangen Konsum der Fernsehprogramme nicht.
So findet sich auch in der Geschichte von Philosophie und Wissenschaft eine lange Tradition der Skepsis, eine Kritik des Ungenügens bloßer sinnlicher Eindrücke ohne das daran geknüpfte Denken und Empfinden.
φύσις κρύπτεσθαι φιλεῖ. (Heraklit 123)
Die Natur, hier des Schönen, liebt es sich zu verbergen. Sie zu entbergen erfordert Kraft, Erziehung und Talent.
Das wird nur von wenigen geleistet werden können. Diese brauchen das Recht, die Einsichtslosen zu leiten. Die Führung durch eine Elite der Architektur, Landschafts- und Siedlungsgestaltung wäre nötig. Gewinnen durch die strenge, traditionsgebundene Leitung einiger würden alle.