praktische Philosophie
Es ist letztlich doch erschreckend, wie aufgeregt mancher in bestimmten Situationen reagiert. Wie nervös, mit zittrig erregter Stimme sich einer in öffentliche Gespräche einlässt, wie unsicher und deprimiert ein anderer nach juristischen Angriffen anmutet, selbst wenn an der Sache nicht das geringste dran ist.
Die Erregtheit, die Nervosität, das Laute und das hohe Energieniveau der Aufgeregtheit sind schädlich für den Akteur und das unbeteiligte Publikum. Nützlich ist die gesteigerte Erregtheit lediglich für die Gegner, denn sie gewinnen an relativer Stärke.
Ruhe, Gelassenheit und Kaltblütigkeit stehen dem entgegen. Eine stoische Haltung und Augenmass, das die Angelegenheit in ihren wirklichen jeweiligen Größenverhältnissen und nicht aufgebläht erscheinen lässt, sind ein Antidot.
Die Grundlage echter Gelassenheit bis hin zur Gleichgültigkeit ist eine transzendente Versicherung über alle Endlichkeiten hinaus. Das kann geübt werden und betrifft nicht nur die geistigen Vollzüge, sondern den ganzen Körper und nicht nur das, sondern diese Rückbindung (= religio) schließt die Gemeinschaften, die kulturellen und natürlichen Umgebungen mit ein.
Eine Probe für wirkliche Religion ist somit die transzendent gegründete, unerschütterliche Gelassenheit.
Religion
Der Tod Gottes ist keine atheistische Metapher. Vielmehr setzt der Tod ja ein vor dem Tod liegendes Leben voraus. Gott lebte demnach und starb dann und war schließlich tot.
Das aber ist keine Geschichte von gottlosen Geistern, von Agnostikern und Atheisten erzählt. Das ist die Geschichte im neuen Testament. Das Leben Gottes, das Sterben und der Tod, nach dem Tod allerdings die Auferstehung.
Vernünftig betrachtet ist das eine Ungeheuerlichkeit. Gott stirbt und ist tot. Zudem stirbt Gott nicht einfach so an Altersschwäche oder an einem Herzinfarkt. Gott wird von Menschen auch nicht heimtückisch ermordet, sondern er wird in einem Gerichtsverfahren mehr oder weniger ordentlich zum Tode verurteilt. Das muss man sich einmal vorstellen, Menschen verurteilen Gott zum Tode. Zu allem Überfluss wird auch noch das Volk befragt. Das Volk wünscht aber nicht die Begnadigung Gottes, sondern die eines Schwerverbrechers. Um alles noch auf die Spitze zu treiben, wird Gott von seinen treuesten Anhängern verraten, verkauft, verleugnet und im Stich gelassen.
Die Todesstrafe wird an Gott vollzogen. Der Tod Gottes am Kreuz ist seither das Symbol einer großen Religion. Der Tod Gottes am Kreuz durch Menschenhand, durch Verrat, Niedertracht, Gemeinheit, Feigheit … befördert. Das ist das Unfassbare, das Ungeheuerliche schlechthin. Das ist derartig, dass es geglaubt werden kann und dass sich der Glaube mit zunehmender Menschenkenntnis festigt.
praktische Philosophie
Wenn sich eine Situation zuspitz, schwieriger wird, müssen Entscheidungen getroffen werden. Die Durchsetzung der Entscheidungen fordert und übt die Kräfte. Das Ergebnis kann, muss aber nicht eine Verbesserung sein.
Das ist der Sinn von Krisen und die Wortherkunft, κρίσις, entspricht der Entscheidung.
So kann Leid in der Tat nicht nur eine Prüfung unserer Kräfte bedeuten, sondern auch eine Stärkung, indem wir uns anstrengen müssen, aus dem gewohnten Trott herausgehoben werden und dadurch vielleicht grundlegen zum Besseren gelangen.
Erziehung
Als Jugendlicher wachte ich selbst streng über die Schiften, die ich las. Ich wollte mich nicht durch schlechtes Zeug verderben. Hierbei hatte ich nicht Anzügliches im Sinn, sondern einfach mindere Qualität. Mir war bewusst, dass die Lebens- und Lesezeit begrenzt ist.
Wenig später kam mir dann noch die Einsicht, dass nicht nur das Was, sondern vor allem auch das Wie des Lesens bedeutend ist.
Man wähle seine Lektüre eigenverantwortlich mit Bedacht und man lese gründlich, mache sich Notizen, schreibe selbst und sei hartnäckig und ausdauernd und dann vor allem noch produktiv.
Religion
Das Christentum ist beinahe falsch benannt, man könnte mit einigem Recht, das sei im „Paulusjahr“ gestattet, es auch Paulismus nennen. Denn so wie Jesus sich als Jude sah und die genaue Einhaltung jüdischer Gesetze anmahnte, so ging Paulus darüber hinaus und öffnete dem Christentum die Weltmission und -herrschaft.
Wenn der antike Staat Götter hatte, so trat das Christentum mit einem absoututen Gott weit mächtiger auf. Es konnte Konkurrenz und später Staat machen. Die Einsicht erhellte auch römische Kaiser und danach noch viele. Die Befreiung von dieser christlich gestützten Macht aus Gottes Gnaden war auch immer antireligiös, aufklärerisch.
Nicht ausbleiben konnte dabei, dass gute Traditionen, gute Sitten, gute Moralvorstellungen und Riten und Gewohnheiten mit aufgegeben wurden und sich kein angemessener oder gar besserer Ersatz dafür finden ließ.